FREUNDE FRANKFURTS

Rundschreiben

April 2021

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder,

wie letztes Jahr um diese Zeit schreibe ich Ihnen aus dem Lockdown.
Leider müssen wir jetzt schon lange Zeit auf unsere Vorträge und Stadtspaziergänge verzichten. Wir alle vermissen es sehr und hoffen doch, bald, wenn es wieder gestattet ist, zu gemeinsamen Veranstaltungen zusammenkommen zu können.
Da zum jetzigen Zeitpunkt völlig unklar ist wann dies genau sein wird erhalten Sie heute ein Rundschreiben ohne Veranstaltungskalender aber mit dem festen Versprechen Ihnen zu schreiben sobald wir wieder Veranstaltungen anbieten dürfen.

Genau wie letztes Jahr um diese Zeit, möchte ich Ihnen ein Frankfurter Stadtquartier – das Malerviertel, auch „Sachsenhäuser Westend“ genannt – vorstellen.

Stadtplan Ausschnitt Westsachsenhausen

Bevor wir uns dem Malerviertel zuwenden, betrachten wir hier zuerst kurz die Entwicklung Sachsenhausens vor der Entstehung des Malerviertels.

Geschichte und Entwicklung Sachsenhausens

1193 wurde Sachsenhausen erstmals urkundlich erwähnt, ab 1222 gab es mit der Alten Brücke die erste Brückenverbindung nach Frankfurt. Diese sollte bis ins späte 19. Jahrhundert die einzige Brücke bleiben. 1372 taucht Sachsenhausen in den Urkunden auf, als Kaiser Karl IV. Grund und Boden an die freie Reichsstadt verkaufte. Nach der Rodung großer Waldflächen in den kommenden Jahren wurden ab 1389 in Sachsenhausen Rebstöcke gepflanzt.

Die Bewohner Sachsenhausens waren zu dieser Zeit hauptsächlich Handwerker, Bauern und einigen wenigen Adelige.

Umgrenzt war Alt-Sachsenhausen im frühen Mittelalter von einer halbkreisförmigen Landwehr bestehend aus Hecken, Zäunen und Gräben, später auch von einer Stadtmauer. Ab 1470 befand sich auf dem Sachsenhäuser Berg eine Warte in Form eines Wehrturms, die Sachsenhäuser Warte.

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden, außerhalb der Stadtmauer, am Flussufer erste Sommerhäuser mit Gärten im französischen oder englischen Stil. Wer es sich leisten konnte floh in den Sommermonaten aus der beengten, oft übelriechenden Stadt aufs Land. Auf den Stadtplänen aus dieser Zeit erkennen wir entlang des Flusses einige wenige große Villen mit Blick auf den Main.

Die Zahl der Bewohner Frankfurts wuchs von 1750 (32.000 Einwohner) bis 1850 (62.561 Einwohner) um fast 30.000 Menschen. Auf beiden Seiten des Mains dehnte sich die Stadt aus. Sachsenhausen entwickelte sich flussabwärts nach Westen. Dies wurde möglich, weil zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Stadtmauern aus dem 14. Jahrhundert geschleift worden war.

Auf dem Plan von Friedrich Wilhelm Delkeskamp von 1864 können wir am scheinbar noch unbefestigten Flussufer Bleichwiesen erkennen. Hinter den Bleichwiesen befanden sich auf großen Grundstücken schöne Villen im Stil den Barocks und des Klassizismus. Auf der Fläche des heutigen Malerviertels befanden sich acht solcher Anwesen.

In den 1870iger Jahren wurden die meisten dieser Sommerhäuser entlang der Schaumainstraße, heute Schaumainkai, abgerissen. Lediglich die Villa Metzler, errichtet in den Jahren 1802-1804 für den Apotheker Peter Salzwedel, erinnert heute an die ursprüngliche Bebauung des Mainufers.

Entstehung des Malerviertels

Betrachten wir jetzt die Lage und die Entstehung des Malerviertels.
Seine nördliche Begrenzung ist der Main mit seiner Platanenallee. Im Süden begrenzen Bahngleise das Viertel. Als östliche Grenze kann die Untermainbrücke mit der sich anschließenden Schweizer Straße gelten; im Westen gilt die Friedensbrücke mit der sich anschließenden Stresemannallee als Grenze.

1872 entstand ein Generalplan der städtischen Bauverwaltung für die Entwicklung von Fluchtlinien und Straßenverläufen in dem neuen Viertel.

Blick in die Schweizer Straße von der Untermain Brücke

1872-1874 wurde mit der Untermainbücke eine zweite, weiter westlich gelegene Brückenver-bindung nach Sachsenhausen gebaut. In ihrer Verlängerung entstand die Schweizer Straße von welcher das Malerviertel seine Entwicklung nahm.

Bevor jedoch mit der Errichtung der ersten Wohngebäude begonnen werden konnte musste der heutige Schaumainkai angehoben werden und Kaimauern errichtet werden. Diese Maßnahme war notwendig, um den Anschluss an die neue Untermainbrücke herzustellen, die – um größeren Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen – viel höher als die vorhandene Straße war.

Nach dem Zusammenbruch der ersten Kaimauer bei einem Frühjahrshochwasser 1884 entstand bis 1896 die Anlage mit Hoch- und Tiefkai, wie wir sie heute kennen.

Der Malerviertel

Betrachten wir jetzt das neue Viertel von der Schweizer Straße im Osten bis zur Stresemannallee im Westen, so wie sich die Bebauung entwickelt hat.

Trotz des seit 1872 bestehenden Generalplans der Stadt für die Entwicklung der neuen Straßen konnte anfangs nur die östliche Seite der Schweizer Straße (siehe Foto, Schweizer Straße 1) bebaut werden denn auf der gegenüber liegenden Straßenseite betrieb zu diesem Zeitpunkt Heinrich Strauss eine Bade- und Reinigungsanstalt. Erst nach vielen Versuchen Strauss zur Aufgabe seiner Badeanstalt zu bewegen um auch die westliche Seite der Schweizer Straße zu bebauen gelang es der Stadt 1909 dieses Grundstück und die Grundstücke Schaumainkai 41 und 43 zu erwerben. Nach Anlage der benötigten Verkehrsflächen und eines Bürgersteigs verkaufte die Stadt das verbliebene Gelände an zwei Bauunternehmer. 1910, also 33 Jahre nach dem Bau des Gebäudes Schweitzer Straße 1, war nun auch die andere Straßenseite am Eingang zur Schweizer Straße bebaut.

Die ersten Wohnhäuser des Malerviertels entstanden zwischen der Schweizer Straße, der Gartenstraße und der Schneckenhofstraße. Das Gelände war von einem Konsortium erworben und in Bauplätze aufgeteilt worden. So entstand 1874 die Cranachstraße, die bis 1894 beidseitig mit viergeschossigen Wohnhäusern im Stil des Klassizismus bebaut wurde.

Cranach Straße

Zeitgleich wurde auch die Fläche zwischen Schweizer Straße und Cranachstraße in geschlossener Blockrandbebauung mit 39 Mietshäusern bebaut. Hinter den an der Straße gelegenen Gebäuden befanden sich häufig Hinterhäuser, mit Gewerbebetrieben und Werkstätten.

Neben den Wohnhäusern entstand am Schaumainkai bis 1878 das neue Städelmuseum. Westlich davon blieb das Gelände erst einmal unbebaut. Das änderte sich erst ein Jahrzehnt später. Der Hauptbahnhof auf der Nordseite des Mains war fast fertig; die kleinen Bahnhöfe auf der Frankfurter Seite und die Gleise die durch Sachsenhausen zur Main-Neckar-Brücke führten waren nicht mehr notwendig. Die Brücke wurde zur Straßenbrücke und erhielt den Namen Wilhelmsbrücke – heute heißt sie Friedensbrücke. Ihr schloss sich auf der Sachsenhäuser Seite die Wilhelmstraße, heute Stresemannallee an. Sie bildet heute die Westgrenze des Malerviertels. Die frei gewordenen Gleisflächen boten Raum für die weitere Ausdehnung nach Westen.

Steinle Straße

In den Jahren 1888-1898 begann man mit der die Bebauung am Schaumainkai, der parallel verlaufenden Steinlestraße und ihren im rechten Winkel abzweigenden Nebenstraßen wie der Rembrandtstraße der Rubens- sowie der Schaubstraße (früher Morettostraße). Hier entstanden bis zum Jahr 1900 fast ausschließlich Villen und Einfamilienhäuser.

Die letzte Entwicklungsphase des Malerviertel, weiter nach Westen, fand in den Jahren 1900-1939 auf den freien Flächen zwischen Holbeinstraße und Kennedyallee satt. Die Stadt erwarb 1909/1910 von 41 Eigentümern insgesamt knapp 42 ha Grund. Neue Straßen wurden geplant und angelegt. Hier befinden sich heute die Achenbachstraße, die Burnitzstraße sowie die Thorwaldsen- die Passavant- und die Franz-Lenbach Straße. Entlang dieser Straßen entstand ab 1911 ein reines Wohngebiet. Anders als auf den Flächen zwischen Schweizer Straße und Holbeinstraße gab und gibt es hier keine Hinterhäuser mit Gewerbe und Handwerk. Die Bebauung besteht aus einzelnstehenden Häusern, einige im Stil des Historismus, ebenso wie Doppelhäusern und auch geschlossenen Zeilen mit Reihenhäusern wie auf dem Foto aus der Burnitzstraße zu sehen ist.

Blick in die Burnitz Straße

Zusammenfassend lässt sich das Malerviertel wie folgt in Zahlen darstellen:
Die Fläche des Quartiers beträgt 80 ha, es leben heute in etwa 7000 Menschen in 772 Gebäuden hier. Geplant wurde das Viertel in den Jahren 1872-1911 und die Bebauung begann Ende der 1870iger Jahre an der Schweizer Straße. Bis zur vollständigen Bebauung des Quartiers dauerte es bis 1939.

Liebe Leser, aufgrund der COVID-19 Infektionslage und den damit verbundenen, eingeschränkten Möglichkeiten zur Recherche habe ich die meisten Informationen für dieses Rundschreiben dem sehr schönen Buch von Heinz Schomann „Das Frankfurter Malerviertel“ entnommen. Sollten Sie Interesse haben, sich weitergehend mit dem Malerviertel zu beschäftigen sei Ihnen dieses vielfältig bebilderte Werk empfohlen.
Darüber hinaus werden wir versuchen in diesem Sommer eine Führung durch das Viertel anzubieten

Bis es so weit ist, sende ich Ihnen beste Grüße, bleiben Sie gesund. Wie alle freuen uns auf ein Wiedersehen.

Mit herzlichen Grüßen
Andrea Janssen, Geschäftsführende Vorsitzende

Dr. Barbara Deppert-Lippitz, Vorstandsvorsitzende

Neue Anschrift und Telefonnummer:
Freunde Frankfurts, Baumweg 43, 60316 Frankfurt am Main
Tel. 0170-48 23 274.

Aktualisierung: 09.04.2021