„Fasenacht" in Frankfurt
Die fünfte Jahreszeit Fastnacht – auf Frankfodderisch „Fasenacht“
Die „tollen Tage“, wie sie auch genannt werden, stehen vor der Tür.
Das ist Anlass genug, einmal zu schauen, wie es um die närrischen Zeiten hier in Frankfurt stand und steht.
Einflüsse aus dem alten Ägypten
Die Geschichte der Fastnacht reicht weit zurück und ist von unterschiedlichen Einflüssen geprägt. Bereits im alten Ägypten zogen gegen Ende des Winters verkleidete Menschen zu Ehren der Göttin Isis, die für Mutterschaft und Wiedergeburt stand, durch die Straßen.
Charakteristisch war dabei ein mitgeführter Wagen mit einem nachgebauten Schiff, auf dem Fruchtbarkeitsgottheiten im Frühling zurückkehren sollten.
Die Vertreibung des Winters
Auch bei den Römern gab es ähnliche Festlichkeiten: Zur Winteraussaat um den 17. Dezember fanden die „Saturnalien“ zu Ehren des Gottes Saturn statt. Diese Feste waren von üppigen Ess- und Trinkgelagen sowie von Umzügen geprägt, die an die heutige Straßenfastnacht erinnern
Auch bei den Germanen gab es Bräuche und Umzüge zur Vertreibung des Winters. Bestandteil dieser Feierlichkeiten waren Feuer – Symbol für Licht –, Trommeln, Pfeifen und furchterregende Masken, Elemente, die sich bis heute erhalten haben.
In Nordeuropa mischten sich im Mittelalter germanische und römische Riten, bis mit der Christianisierung durch den heiligen Bonifatius die heidnischen Winteraustreibungs- und Vorfrühlingsfeste in den Osterfestkreis der Kirche integriert wurden; Aschermittwoch markierte fortan das Ende der Fastnacht und den Beginn der Fastenzeit.
Die ersten Fastnachtsbräuche in Frankfurt
Im frühen 14. Jahrhundert gibt es erste Hinweise auf Fastnachtsbräuche in Frankfurt. Während der Regentschaft von Ludwig dem Bayern (1314–1347), der sich im Streit mit Papst Johannes XXII befand, hatten die Schüler der Frankfurter Stiftsschulen die Erlaubnis, einen „Papst“ zu bestimmen und diesen während ihrer Umzüge zu verspotten.
Die ausschließlich männlichen Schüler maskierten sich und zogen ausgelassen durch die Straßen. Das Treiben wurde so wild, dass der Stadtrat 1355 das Tragen von Masken verbot – allerdings hielt dieses Verbot nicht lange. Bereits für das Jahr 1382 wird wieder von einem großen Maskenumzug berichtet, bei dem eine Strohpuppe, die den Winter symbolisierte, im Main ertränkt wurde.
Straßenfastnacht, rauschende Feste und Ritterspiele
Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Fastnachtsfeierlichkeiten hin zu der heute noch üblichen Straßenfastnacht. Daneben fanden auch viele private Feste der Bürger und Patrizier statt. Handwerksburschen zogen fantasievoll verkleidet durch die Straßen, während die Patrizier rauschende Feste in ihren „Stubengesellschaften“ feierten, die oft bis zum ersten Fastensonntag andauerten.
Im 15. Jahrhundert lud der Rat der Stadt die Ratsherren zu Fastnachtsessen mit den sogenannten „Vaßnachtshühnern“ ein. Die Hühner waren eine Abgabe der umliegenden Gemeinden als Gegenleistung für den Schutz durch die Stadt Frankfurt gegen Überfälle und Angriffe.
Eine ebenfalls sehr beliebte Fastnachtstradition des 15. Jahrhunderts waren die Ritterspiele auf dem Römerberg, die viele Zuschauer anzogen.
Reglementierungen
1514 wurde das Feiern nach Faschingsdienstag vom Rat der Stadt verboten. Die Berichte aus den folgenden Jahren beziehen sich vor allem auf die Straßenfastnacht der Handwerksgesellen, darunter Drucker-, Glaser-, Wagnerbauer- und Schustergesellen. Während der Reformationszeit fehlen Quellen, was darauf schließen lässt, dass Fastnacht eher im privaten Rahmen gefeiert wurde.
Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts etablierten sich zur Fastnachtszeit Laienspiele der Handwerker, die jedoch zum Teil recht derb waren und die Kirche und den Rat der Stadt aufs Korn nahmen. Um dies zu verhindern, mussten die Texte vorab von Stadt und Kirche genehmigt werden. Diese Tradition erhielt sich bis ins 19. Jahrhundert, jedoch wurden diese Stücke zunehmend von professionellen Schauspielern aufgeführt.
Pest und Dreißigjähriger Krieg
Während der Pest (1563–1568) und im Dreißigjährigen Krieg fiel die Fastnacht aus. Erst für das Jahr 1659 wird wieder von einem prunkvollen Umzug der Schreinergesellen mit 130 Trommlern, Pfeifenspielern und verkleideten Männern mit Musketen berichtet.
Diese Umzüge, die stets am Main endeten, gab es bis 1755. Während der französischen Besatzung wurde die Fastnacht hauptsächlich mit Maskenbällen, zum Beispiel im Junghof, gefeiert.
Auf Verbot folgen Protest, Hohn und Spott
Von 1792 bis 1807 war die Fastnacht in Frankfurt wegen „Zügellosigkeit, Unsittlichkeit und Üppigkeit“ verboten. Erst ab etwa 1815 gab es wieder Maskenbälle, komische Opern und Fastnachtsschwänke. In den 1830er Jahren spiegelt sich das erstarkende Bürgertum auch in der Fastnacht wider. Die Bürger Frankfurts begannen, sich während der Fastnacht kritisch mit den Anordnungen des Rats auseinanderzusetzen. So veranstalteten sie zum Beispiel zum Hohn und Spott des Rats einen Laternenumzug auf der Zeil. Er war als Protest gegen eine Verfügung des Rats zum Mitführen von Laternen entstanden.
Für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts muss an dieser Stelle noch über die Gründung der ersten Heddernheimer Karnevalsgesellschaft berichtet werden. Die Karnevalsgesellschaft löste sich während der Unruhen um die Paulskirchenversammlung 1848 wieder auf.
„Die Bittern“
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts belebte sich die Frankfurter Fastnacht erneut. Friedrich Stolze, Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit, später Mitbegründer der Karnevalsgesellschaft „Die Bittern“, veranstaltete gemeinsam mit seinen Freunden vom Bürgerverein in den Jahren 1850 und 1851 Maskenbälle zugunsten politisch Verfolgter. In den 1860er Jahren galten „Die Bittern“ als größte Veranstalter von Fastnachtsfeiern und Umzügen.
1861 wurde ein närrischer Reichstag abgehalten, 1862 folgte die Fastnachtskampagne „Kaiser Carneval“ in Anlehnung an die Kaiserkrönungen – der Andrang bei diesem Umzug war enorm. Die Fenster entlang des Umzugsweges wurden – genau wie bei den Kaiserkrönungen – von geschäftstüchtigen Frankfurtern vermietet. 1863 waren zwei Kamele aus dem Frankfurter Zoo und verkleidete „ausländische Gesandte“ die Attraktionen des Fastnachtsumzugs der „Bittern“.
Entstehung diverser Fastnachtsvereine
Auch in den heutigen Stadtteilen Frankfurts, damals Dörfer im Umland, entstanden in dieser Zeit Fastnachtsvereine, wie das Aeppelweingeschwader in Heddernheim oder die Sachsenhäuser Karnevalsgesellschaft. Beim Umzug 1865 nahmen erstmals auch Fastnachter aus Köln und Aachen am Frankfurter Fastnachtsumzug teil. Während der Kriegszeiten – Preußisch-Österreichischer und Deutsch-Französischer Krieg – kamen die Fastnachtsfeiern in Frankfurt erneut zum Erliegen, während in den umliegenden Orten weiterhin Vereine gegründet wurden und Fastnachtsfeiern stattfanden.
Erwähnenswert ist der in Bornheim gegründete Fastnachtsverein „Wau-Wau“, benannt nach dem beliebten Bornheimer Tierarzt Dr. Diehl, und später umbenannt in Bornheimer Karnevalsgesellschaft, deren Fastnachtsprinz 1897 der Nähmaschinenfabrikant Paul Wertheim war. Er ließ sich seine Amtszeit als Prinz Karneval sagenhafte 40.000 Goldmark kosten.
„Jahrmarkt in Timbuktu“ und „Die Frau Rauscher aus der Klappergass´“
Es folgt ein Sprung ins Jahr 1925, als während der Fastnacht erstmals der „Jahrmarkt in Timbuktu“ stattfand. Diese vom Patronatsverein zugunsten notleidender Künstler organisierten Veranstaltungen fanden mit Ausnahme der Kriegsjahre bis 1976 statt. Auch die Fastnacht im Jahr 1929 muss erwähnt werden: In diesem Jahr herrschten am Tag des Fastnachtsumzugs minus 20 Grad.
Trotzdem verfolgten Zehntausende den Großfrankfurter Zug mit 100 Zugnummern, darunter 20 Musikkapellen. Prinz der Kampagne war Ulko I. von Narragonien alias Udo von Schauroth, der Sohn der Künstlerin Lina von Schroth. Aus diesem Jahr stammt auch der bekannteste Fastnachtsschlager „Die Frau Rauscher aus der Klappergass´“ (Text Eugen Strouhs, Musik Norbert Bruchhäuser).
Weltwirtschaftskrise und NSDAP
Die Weltwirtschaftskrise verhinderte ab 1930 große Umzüge und besonders die Jahre ab 1933 waren für die Fastnacht schwierig: Die NSDAP untersagte jede Kritik an den Machthabern, was das Ende der beliebten Straßenfastnacht und der politischen Büttenreden bedeutete. Einzige Ausnahme bildete 1939 das 100-jährige Jubiläum der Heddernheimer Fastnacht.
Fastnacht wäre nicht Fastnacht, wenn ein Krieg sie für immer auslöschen könnte. Nach der Aufhebung des Vereinsverbotes durch die Amerikaner Ende 1945 war der Weg wieder frei für die Frankfurter Fastnachter… aber das ist eine Geschichte für ein weiteres Rundschreiben.
Wenn ich Ihr Interesse geweckt habe und Sie sich intensiver mit dem Thema beschäftigen wollen, empfehle ich Ihnen das Buch von Karl Linkler „Stadt unter der Schellenkappe, Geschichte der Frankfurter Fastnacht“, das auch eine meiner Quellen für dieses Rundschreiben war. Das Buch befindet sich in unserem Archiv und kann von unseren Mitgliedern ausgeliehen werden. Ein Erwerb des Buches ist nur noch antiquarisch möglich, zum Beispiel über das Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher www.zvab.de.