FREUNDE FRANKFURTS

Die Altstadt

Mit der Ausdehnung der Stadt im 19. Jahrhundert, der Entstehung des Anlagenrings anstelle der Festungswälle und der Vorstädte, wurde ihr ältester Teil zur „Altstadt“. Als F. Lübbecke 1911 nach Frankfurt kam, war diese Altstadt ein historisch gewachsenes lebendiges Ensemble mit einem überraschend großen Bestand mittelalterlicher und barocker Bauten und einer meist noch intakten sozialen Struktur, die durch alteingesessene Handwerks- und mittelständische Gewerbebetriebe geprägt war. Daneben gab es vernachlässigte Häuser, überbelegte Wohnungen und eine ausge­prägte Armut, die sich aber nicht von der in anderen Frankfurter Stadtteilen wie etwa Sachsen­hausen, Bornheim oder Oberrad unterschied.

Mainpanorama 1930
Die „Skyline“ der Altstadt Frankfurts im Jahr 1930

Bereits um die Jahrhundertwende waren im Rahmen der Bemühungen, die Altstadt für den Verkehr zu erschließen und sie in einen modernen Stadtteil zu verwandeln, zahlreiche Häuser abgerissen worden. Weitere Abrisse drohten, als der Architekt Ernst May (1886–1970) im Jahr 1925 Frankfurter Siedlungsdezernent mit sehr weitgehenden Kompetenzen wurde. Für den modernen Wohnungsbau hat er in dieser Funktion Bedeutendes geleistet, aber für einen ausschließlich auf moderne, „durchlüftete und durchgrünte“ Wohnsiedlungen spezialisierten Stadtplaner besaß eine in ihrem Straßennetz und ihren Bauten noch weitgehend mittelalterlich geprägte Altstadt keine Existenzberechtigung mehr.

Nachdem May 1930 Frankfurt verlassen hatte, setzten seine ehemaligen Mitarbeiter die Arbeit in seinem Sinne sowohl während der Zeit des Nationalsozialismus wie nach dem Krieg fort. Dazu gehörte der Architekt Herbert Böhm (1894–1954), der in den dreißiger Jahren für die „Altstadt­sanierung“ zuständig war und bereits in einer 1930 erschienenen Publikation zum Wohnungs­wesen in Frankfurt sich für die „Überführung allen Bodeneigentums in die Hand der Allgemeinheit nach „deutsch-sowjetistischem Vorbild“ ausgesprochen hatte. Als Reaktion auf solche Vorstellungen fand im Jahr 1936 eine vom Bund tätiger Altstadtfreunde und vom Verein für Geschichte und Landeskunde organisierte Veranstaltung zur Zukunft der Altstadt statt, bei der sich das mangelnde Vertrauen in die Verantwortlichen deutlich zeigte. Trotz aller Schwierigkeiten hatte die Altstadt angefangen, sich dank der Bemühungen des Bundes wie des Konservators schon vor Beginn des 2. Weltkriegs deutlich vom Niedergang im vorhergegangen Jahrhundert zu erholen.

Wohnwagen in Trümmern der Altstadt
Wohnen in der Altstadt 1945-1950

Die für ihre Bewohner tragische Zerstörung des größten Teils der Bauten der Altstadt durch alliierte Luftangriffe im März 1944 wurde einer Reihe von Architekten und Stadtplanern als große Chance gesehen. Zum ersten Mal konnte nicht nur an den Rändern von Städten großflächig geplant und gebaut werden sondern auch in Innenstädten. Der oben erwähnte H. Böhm, der während der Zeit des Nationalsozialismus Karriere gemacht hatte und von 1947 bis 1954 als Oberbaurat und Baudirektor im Stadtbauplanungsamt wieder in Frankfurt tätig war, drückte das klar aus als er schrieb, dass „der Untergang so großer Teile der Stadtsubstanz als einmalige Chance gesehen wird, die nicht verpasst werden dürfe und um derentwillen gewisse Opfer in Kauf genommen werden müssten“. Mit den gewissen Opfern war der Abriss eigentlich noch zu rettender historischer Gebäude gemeint.

Die Vorstellungen des Bundes tätiger Altstadtfreunde und die der Frankfurter Stadtplaner zur Zukunft der kriegszerstörten Altstadt lassen sich unter zwei Begriffen zusammenfassen: Wiederaufbau oder vollkommene Neugestaltung. Der Bund erarbeitete zusammen mit dem Konservator H. K. Zimmermann, dem Leiter des Historischen Museums A. Rapp und namhaften Fachleuten einen Plan für den Wiederaufbau. Er sah die Erhaltung des Straßennetzes, den Wiederaufbau von Kirchen, Klöstern und öffentlichen Gebäuden sowie den originalgetreuen Wiederaufbau der wichtigsten historischen Häuser vor. Die moderne Gestaltung aller anderen Häuser dagegen sollte unter Beachtung bestimmter Bauvorschriften in das Ermessen und die Möglichkeiten der privaten Besitzer gestellt sein. Der Bund bekam für die Ausarbeitung dieses Plans einen kleinen Kostenzuschuss von der Stadt, durfte ihn dem damaligen Oberbürgermeister Walter Kolb vorstellen, wurde dann jedoch ignoriert.

Die radikalen Vorstellungen der Stadtplaner gingen soweit, dass selbst noch erhaltene Gebäude wie zum Beispiel das fast unversehrte Haus Wertheim am Fahrtor abgerissen werden sollten. Und sie wussten, wie sie ihre Ideen umsetzen konnten. 1946 wurde über die Altstadt ein Baustopp verhängt, der es privaten Hausbesitzern unmöglich machte, ihre Häuser zumindest provisorisch zu sichern oder aufzubauen und wieder zu beziehen. Ein 1948 von der Hessischen Landesregierung erlassenes Aufbaugesetz ermöglichte dann die Enteignung der Hausbesitzer zu Bedingungen, die von der Stadt diktiert wurden. Und so bekam Frankfurt nach deutsch-sowjetistischem Vorbild eine Neue Altstadt.

Vision Frankfurt 2000
„Frankfurt im Jahr 2000“ - eine 1926 im Jahrbuch des Bundes tätiger Altstadtfreunde abgebildete Zukunftsvision

Während der größte Teil der Altstadt heute eher provinziell als urban wirkend in der Art von Vorortssiedlungen bebaut wurde, entwickelte sich der Bereich zwischen Dom und Römer zu einem architektonischen Experimentierfeld, ohne dass je auch nur eine zumindest annähernd befriedigende Lösung gefunden wurde. Erst seitdem vor wenigen Jahren die schlimmsten Auswüchse auf diesem Areal abgerissen wurden, besteht die Hoffnung, dass dem bis dahin gesichts- und geschichtslosen Stadtkern ein einer Stadt wie Frankfurt angemessener urbaner Charakter mit historischem Bezug gegeben wird.

Inzwischen wurde der bereits 1949 vom Bund tätiger Altstadtfreunde vorgestellte Plan für den Wiederaufbau der Altstadt für die Planung der Bebauung des Dom/Römer Bereichs herangezogen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass der nach 1945 trotz aller Kriegsschäden noch mögliche Wiederaufbau heute ausgeschlossen ist. Über einer U-Bahn Station und einer Tiefgarage lassen sich Straßen, Plätze und Häuser nur noch rekonstruieren, aber nicht wieder aufbauen. Wie weit die Rekonstruktionen sich an den historischen Vorbildern orientieren oder erneut flüchtigem Zeitgeist folgen werden, wird sich zeigen.

Aktualisierung: 23.03.2016